Alexej von Jawlensky-Archiv S.A., Locarno

Helene und Andrej, 1903, Alexej von Jawlensky-Archiv S.A., Locarno

 

 

Liebe Kunstfreunde,

Diesmal möchte ich über eine Person berichten, die, sofern ihr euch schon mit dem Künstler Alexej von Jawlensky beschäftigt haben solltet, bestimmt schon bekannt ist: Helene.

 

Sie war das Zimmermädchen im Hause der Werefkins. Schon früh begann sie für Jawlensky Model zu stehen. Mit 16 wurde sie schwanger. In Russland – heimlich, so könnte man sagen, bekam sie ihren Sohn – Andreas. Der Vater des Kindes – Alexej von Jawlensky. Dieser, so muss man wissen, lebte in einer Partnerschaft mit Marianne von Werefkin. Eine ebenfalls bekannte Künstlerin und die Person, die ihn finanziell, aber auch kunsttheoretisch unterstützte und führte. Diese Gemeinschaft ist für die Erfolgsgeschichte des Künstlers ein wesentlicher Bestandteil. Umso mehr mag es verwundern, dass Jawlensky eine Liaison mit dem Zimmermädchen haben konnte, die von Werefkin toleriert wurde. Was an dieser Geschichte vielleicht noch interessanter sein mag, ist folgendes:

Helene war bei der Geburt ihres Sohnes wie erwähnt 16 Jahre alt. Dies war auch um die Jahrhundertwende kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat. Hinzu kam noch, dass Jawlensky nicht beabsichtigte die junge Frau zu heiraten. Somit waren diese Affäre und die daraus resultierende Schwangerschaft nicht nur rechtswidrig, sondern darüber hinaus auch gesellschaftlich verpönt.

Ob es allein diese Umstände waren, die dazu führten, dass Jawlensky 1901 mit Werefkin und Helene für 14 Monate das Land verließ, ist nicht sicher. Jawlensky erinnert sich in seinen Lebenserinnerungen nur, dass sie auf dem Gut Anspacki im Gouvernement Witebsk eingeladen waren – „das unserem Freund, dem Sekretär der russischen Gesandtschaft, gehörte.“ Jawlensky berichtet, dass sie sich dort ein Jahr lang aufhielten und er nur wenig zum Malen kam, da er an Typhus erkrankte. Bei dem Gut Anspacki handelte es sich eigentlich um ein altes Schloss, welches abgelegen, unbewohnt und unmöbliert in einem Wald lag. An diesem Ort brachte Helene  am 5. Januar 1902 ihren Sohn Andreas zur Welt.

Doch was geschah dann? Ein Blick auf den gemeinsamen Grabstein von Alexej und Helene von Jawlensky verrät das amtlich eingetragene Geburtsjahr von Helene. Doch dieses besagt, dass sie 1881 geboren sei. Somit wäre Helene nicht 16 sondern 20 Jahre alt bei der Geburt ihres Sohnes gewesen. Wie kam es dazu? Während des Russlandaufenthaltes verschwand die Legitimationsbescheinigung für Helene. Somit musste nach der Rückkehr eine ‚Fehlliste‘ angefertigt werden. Es war jedoch so, dass aus Russland nicht nur Helene mit ihrem Sohn, sondern auch ihre vier Jahre ältere Schwester Maria mitreiste. Werefkin hatte dies alles gezielt arrangiert und dafür gesorgt, dass die Geburtsdaten der beiden Schwestern vertauscht wurden. Hieraus resultierte auch der amtliche Eintrag, welcher schließlich auch auf dem Grabstein zu lesen ist.

Noch fast zehn Jahre nach der Geburt Andreas wurde aus den Familienverhältnissen ein Geheimnis gemacht. Dieser Familienzuwachs belastete das Verhältnis zwischen Jawlensky und Werefkin sehr. Dies lässt sich sowohl in den Tagebucheinträgen als auch in den sog. ‚Lettres à un Inconnu‘, die Briefe an einen Unbekannten nachlesen.

Die Verschleierung hatte vermutlich noch einen weiteren Grund. Dieser lässt sich in der Herkunft des Kindermädchens finden. Es gibt hierzu verschiedene Versionen, jedoch ist die glaubwürdigste jene, die Werefkin selbst in einem Brief offenlegt. Hierin beschreibt sie, dass sie Helene in ihre Familie und in ihr Haus im Alter von neun Jahren aufgenommen habe, nachdem der Stiefvater, ein Polizeisoldat, verstorben war. Die Mutter war offenbar eine Trinkerin und Bettlerin. Der Bruder, dessen Name unbekannt blieb, saß wegen Diebstahls im Gefängnis. Die ältere Schwester Maria war in einem Mädchenasyl aufgenommen worden. Helene war zunächst Lehrling bei der Kammerzofe. Sehr bald schon wurde sie auch Model für Jawlensky. Somit bestand nicht nur ein Unterschied im Alter, sondern auch im gesellschaftlichen Stand. Was dies für Werefkin bedeutete, kann in vielen Briefen und Tagebucheinträgen nachgelesen werden. Was die junge Helene dabei empfand, kann nur erahnt werden. Erst auf Drängen des Sohnes Andreas heiratete Jawlensky Helene. Dies war 1922.

 

Wenn ihr mehr zum Thema erfahren wollt oder Ergänzungen habt, lasst es mich wissen.

 

Euer Jochen